Nachbetrachtung des Marathons
Sie kommt spät, aber jetzt ist sie da. Meine Nachbetrachtung des Marathons. Früher bin ich noch nicht dazu gekommen.
Die Einstimmung auf den Marathon begann Freitag Mittag. Um halb eins haben Michael und ich uns an der Messe getroffen, um gemeinsam unsere Startunterlagen abzuholen. Anschließend sind wir kurz über die Messe geschlendert, haben uns die vielen tollen Stände angesehen, uns mit wichtigen Laufutensilien eingedeckt und uns relativ bald wieder auf den Weg nach Hause gemacht.

Am Samstag hieß es dann, den Tag locker rum zu kriegen, dabei viel zu trinken und vor allem gegen Abend nochmal schön alle Kohlenhydratvorräte bis zum Rand zu füllen. Anschließend hab ich die letzten Vorbereitungen getroffen. Dazu gehört zuerst einmal die Auswahl und das Vorbereiten der Laufklamotten für den nächsten Tag, das Anfertigen der Kampffrisur :D und das Bereitlegen aller sonstigen benötigten Utensilien wie Trinkflaschen, Getränkegurt und Gelfläschen. Meine Brüder meinten, ich sollte es ruhig angehen lassen, ich bräuchte mich nicht wie auf nen Weltrekordversuch vorbereiten. Dann gabs noch eine abschließende Beinmassage und dann ging es ab ins Bett.
Sonntag morgen um viertel vor sechs hat dann der Wecker geklingelt. Nach der kurzen Dusche zum Wach werden gabs lecker Frühstück. Es gab Erdbeeren mit Banane und Naturjoghurt und ein Schokobrötchen mit Honig. Als nächstes wurden die Getränke für den langen Tag vorbereitet, die Gelfläschen auf ihre Funktionstüchtigkeit überprüft und dann war es schon Zeit für den Weg zum Start. Meine Mutter hat mich freundlicherweise zum Startbereich nach Oberhausen gebracht. Dort am Infozelt hab ich auf Yogi und Michael gewartet, um das Beweisfoto vor dem Start zu schießen.

Nach dem ich meinen Trainingsanzug losgeworden war, ging es ab in den Startblock. Michael und ich waren als Neulinge natürlich für Startblock E, den letzten Startblock eingeteilt. Yogi, als Pacemaker für 4:45 stand in Block D, würde also deutlich vor uns über die Startlinie gehen. Da ich mich ihm und seiner Gruppe anschließen wollte, war das natürlich ein wenig ärgerlich, da ich die Gruppe also als erstes einmal einholen musste. Yogi meinte zwar, er würde den ersten Berg erstmal ganz langsam angehen, um alle Leute einzusammeln, aber entweder bin ich noch langsamer oder der Yogi hat nicht gesammelt ;-) Pünktlich um 9 ging es dann los, erst langsam gehend, dann immer schneller laufend und knapp 3 Minuten nach dem Start hatten Michael und ich schon die Startlinie überquert. Unsere Wege sollten sich aber direkt trennen, denn Michael wollte den Versuch unternehmen, in weniger als 4 Stunden im Ziel zu sein.
Die ersten drei Kilometer ging es dann stetig bergan, immer mit nach vorne gerichteten Augen, ob irgendwo der Luftballon von Yogi zu sehen ist. Aber am Berg hatte ich noch Pech. Dann ging es auch schon runter in Richtung Bottrop Innenstadt, wo zum ersten Mal eine riesige Masse auf uns wartete. Dort haben mich dann auch die ersten bekannten Gesichter erwartet, die ich so gut wie alle auch am Straßenrand entdeckt habe. Dann kam auch direkt der erste Verpflegungsstand, wo ich mir einen Becher Wasser genehmigt habe. Es ist gar nicht so einfach, während das Laufens zu trinken.
Mein nächstes Etappenziel war der Volkspark Batenbrock bei Kilometer 6, da dort meine "Groupies" zum ersten Mal an der Strecke stehen wollten. Meine Groupies, dass waren meine Freundin Eva, meine Schwester Britta, meine Brüder Sven und Lars (ohne die ich diesen Marathon ja nie gelaufen wäre) und meine Nichte Lea. Die sollten mich noch so einige Male an der Strecke erwarten.

Die erste Überraschung gabs dann am Boyer Markt. Eigentlich war als nächster Treffpunkt die Innenstadt von Gladbeck angesetzt, doch hier standen sie plötzlich wieder am Rand, und zwar so überraschend, dass ich mich am Becher Wasser fast verschluckt hätte. Mittlerweile hatte ich einige Meter vor mir 2 bunte Ballons ausgemacht, einen roten und einen blauen, die, nach denen ich die ganze Zeit Ausschau gehalten hatte. Bei Kilometer 8 hatte ich dann die Gruppe um Yogi endlich erreicht, so dass von jetzt an nette Gesellschaft angesagt war. Dann war Bottrop auch schon passiert und es ging mit guten Beinen rein nach Gladbeck. Dort im Gewerbegebiet warteten, wieder völlig überraschend, meine Fans.

In der Gruppe gab es in der Zwischenzeit interessante Gespräche, auch wenn ich bei den Themen nicht sonderlich viel mitreden konnte. Denn wer außer den Vollprofis in meiner Gruppe nutzt auch schon nen Marathon als lockeren Trainingslauf, erzählt dabei von Ultramarathons, Wüstenmarathons und was weiß ich nicht noch für langen Strecken? Nach 14km habe ich dann den Tobi, einen Uni-Kollegen, am Rand getroffen, dem ich meine erste leere Flasche in die Hand gedrückt habe, denn die abzugeben hatte ich vorher immer vergessen. Dann ging es die Horster Str. hinauf in Richtung Gladbeck City, die mir im Vorhinein von Yogi als genial gepriesen wurde. Dort gabs, was auch sonst, dass mittlerweile vierte Treffen mit meinen Groupies. Die Innenstadt von Gladbeck anschließend war regelrecht am Brodeln, getragen von den vielen Zuschauern ging es die leichte Steigung hoch. Der Puls schoß in die Höhe und es kam richtig Gänsehaut-Feeling auf. Einfach Geil!

Dann wurde es erstmal ein wenig ruhiger, bis zur Innenstadt von Gelsenkirchen-Buer waren nicht mehr viele Zuschauer am Rand. Da blieb wieder Zeit für weitere spannende Erzählungen von langen Läufen. Buer selbst war dann wieder großartig, denn hier war auch der Zieleinlauf für den Halbmarathon. Die Organisation von eben jenem Zieleinlauf fand ich aber sehr daneben. Die Trennung von Marathon und Halbmarathon folgte erst nach dem Ziel, was darin resultierte, dass man sich als Marathoni erstmal durch eine Masse an stehengebliebenen Halbmarathonis kämpfen musste. Denn denen war es egal, ob noch Leute laufen, Hauptsache sie hatten ihr Ziel erreicht. Da klingt die Organisation des Halbmarathon-Ziels in Herne doch viel besser.
Ab dann wurde es richtig ruhig. Bis auf meine Groupies und die Helfer an den Wasserständen war zwischen Buer und dem Come-Together-Point nicht viel los. Aber das war im Vorhinein abzusehen. Dafür haben meine Groupies für ordentlich Gesprächsstoff bei meinen Mitläufern gesorgt. Obs an dem Outfit in in Buer lag?

Und auch in Schalke war nichts los, obs am traurigen Ergebnis vom Vortag lag?

Kurz vor dem Come-Together-Point standen dann noch zwei schöne Brücken auf dem Programm. Lecker knackig ging es über zwei Brücken über Kanal und Eisenbahn. Das war die Stelle, wo das erste Einsammeln begann. Die ersten Läufer haben sich vom Anblick und der Höhe der Brücke beeindruckt gezeigt. Da hat es sich ausgezahlt, dass wir mit gleichmäßiger Belastung anstelle von gleichmäßigem Tempo gelaufen sind. Die Anstiege also eher ruhig hinauf und bergab bei gleicher Belastung die verlorene Zeit wieder rein holen. Doch die letzte der Brücken vor dem Come-Together-Point hat dann auch mir zu schaffen gemacht. Mittlerweile waren ja auch schon fast 29 Kilometer unterwegs. Da kamen bei mir die ersten Gedanken hoch, dass ich die anderen laufen lasse, wenn die jetzt weiter son Tempo vorlegen wollen. Doch die Zuschauer, die Musik und auch das pünktliche Zusammentreffen mit den Borbecker Raketen gaben nochmal einen richtigen Kick. Unglaublich, was das für einen Schub gibt. Beim anschließenden Getränkestand war ich dann auch ziemlich froh über die Abkühlung, die in Form von nassen Schwämmen gereicht wurde.

Dann ging es auf in Richtung Stoppenberg. Eigentlich hatte ich erwartet, dass es dort auch relativ ruhig wird. Doch viele kleine Parties am Rand der Strecke haben richtig Spaß verbreitet. Und Gerd mit seinem Contest, dem Sammeln von Kinderpunkten, hat die Stimmung auch aufgeheitert. Ein Stück weiter wars dann aber soweit, meine Beine wollten nicht mehr so schnell die Steigungen hinauf, wie meine Gruppe lief. Doch Gerd und Bettina hatten Erbarmen mit mir, haben sich zu mir zurückfallen lassen und mich wieder an die Gruppe rangeführt. Vielen Dank dafür, das war echt super!
Beim Getränkestand an Kilometer 35 war dann bei mir aber endgültig Feierabend. Erstmal gab es lecker Cola, direkt Becherweise, dazu Wasser und Banane. Die Aufmunterungen der Helferinnen und Helfer, Wasser für Beine und Kopf und die Zuschauer haben aber ihr übriges getan, so dass es langsam weiter ging. Bei Kilometer 36 standen dann nochmal meine Groupies, das tat richtig gut. Auch wenn mir dabei das Leiden im Gesicht abzulesen war.

Denn KM 35 bis 37 waren das schlimmste Stück der Strecke. Nicht nah genug am Ziel, um letzte Kräfte zu mobilisieren, aber auch nicht mehr weit genug vom Ziel weg, um nicht mehr weiterzulaufen. Danach ging es dann nochmal leicht bergab. Das in Verbindung mit dem Blick zur Uhr, der mir sagte, dass ich eigentlich gar nicht so langsam laufen kann, um länger als 5 Stunden zu brauchen, brachte die Beine wieder ans Laufen. Wenn auch langsam, so ging es doch stetig weiter in Richtung Ziel. KM39 war nochmal hart, völlig ohne Zuschauer unterm Bahnhof rein und dann in Richtung Rü. Doch ab dann liefen die Beine von alleine. Zwar stetig bergan, aber das Ziel war förmlich zu riechen. Dann begann die Rü, eine Bühne mit Musik und Anheizer haben den ersten Vorgeschmack geliefert. Persönliche Begrüßung und Musik, die die Beine mitreißt. Super war das.
Dann der letzte Kilometer, der Teufelslappen, da gabs kein Halten mehr. Der Blick auf die Uhr sagte: "Junge, beeil dich, du schaffst die 4:50 noch". Ein paar Meter weiter sagte der Blick: "Junge, gib Gas, dann sinds weniger als 4:49". Und der letzte Kilometer wurde mein schnellster, ein richtiger Triumpflauf. Das Überqueren der Ziellinie war einfach nur geil. Der Gedanke, es geschafft zu haben, dass angepeilte Ziel eingehalten zu haben, das die Schufterei der letzten Wochen nicht umsonst war, das war einfach genial. Das Gefühl ist unbeschreiblich. Allein das entschädigt für alles, was vorher war. Und die Zeit war genial. Am Ende noch unter 3 Stunden. 2 Stunden, 168 Minuten und 46 Sekunden. Damit kann ich sehr gut leben.

Danach ging es dann in Richtung Dusche, es gab ein leckeres Erdinger (lecker obwohl alkoholfrei ;-)), ein wenig Obst und das Treffen mit meinem Groupies. Und dann hieß es auf nach Hause und verwöhnen lassen. Und ein Abschlussfotos mit meinen "Verfolgern" machen. Und Wunden lecken. Denn ich hatte mir doch zwei wunderbare Blasen, eine unter dem Fuß und eine vorne am Zeh, gelaufen, die teilweise bis aufs rohe Fleisch runter gingen. Denn die erste habe ich schon nach 5km zum ersten Mal gespürt. Doch man gönnt sich ja sonst nichts. Die tollen Fotos davon erspare ich euch aber besser ;-)


Jetzt aber zur entscheidenden Frage: Werde ich es wieder tun? Mit Sicherheit. Auch wenn ich noch keine Planung angestellt habe, wie und wann das nächste Mal sein wird. Und angemeldet habe ich mich auch noch nirgendwo. Obwohl, ich weiß, wann das nächste Mal sein wird. Den nächsten Marathon laufe ich dann, wenn ich als realistische Zielzeit weniger als 2 Stunden und 120 Minuten anpeilen kann. Und es muss wieder ein großer sein, denn ohne die Zuschauer an der Strecke hätte ich bei KM 35 aufgehört. Aber in nächster Zeit stehen erstmal kürzere Distanzen auf dem Programm, um weiter an den Grundlagen zu feilen. Wer möchte, kann mich also bestimmt auf dem einen oder anderen Volkslauf in der näheren Umgebung treffen.
Zu guter letzt möchte ich mich noch bedanken. Bei meinen beknackten Brüdern, die mir das aufs Auge gedrückt haben ;-) Bei meinen Groupies für die grandiose Unterstützung. 9x an der Strecke zu stehen ist einfach super. Unbekannterweise bei den Autoren meines Trainingsplans, da war ich sehr zufrieden mit. Bei der WAZ für den Startplatz. Dieser war der letzte Anstoß, den ich gebraucht habe, um dass Abenteuer durch zu ziehen. Und bei meinen Mitbloggern. Es hat mir große Freude gemacht, von anderen zu lesen, die vor dem selben Berg gestanden haben wie ich. Das hat nochmal zusätzlich motiviert.
Danke und ich sage mal: Man sieht sich beim Laufen.
Euer Nils
